01.März –
07. Juni 2026
Kuratorenführung
am 01. März um 11:00 Uhr
Keine Anmeldung erforderlich
Nur Museumseintritt
täglich geöffnet
10:00 -17:00 Uhr
Winteröffnungszeiten
Sonntage im März
11:00-16:00 Uhr
SONDERAUSSTELLUNG
Das Nibelungenlied ein moralisches Lehrstück und Siegfried von Xanten ein charismatischer Freiheitsbringer? So hat man die Nibelungen noch nie gesehen!
2026 jährt sich die Uraufführung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ zum 150. Mal. Der opulente Opernzyklus in drei Teilen mit Vorabend ist ein Meilenstein der Nibelungen-Rezeption und maßgeblich für die bis heute anhaltende Popularität des Sagenstoffes verantwortlich. Dabei steht der Ort der Uraufführung, Bayreuth, gleichzeitig für Dekadenz und enge freundschaftliche sowie familiäre Verflechtungen des Wagnerclans mit völkischen Ideologen und Nationalsozialisten. Verbunden im Geiste des Antisemitismus entstand ein Ort des Heldenkults und kitschiger Germanentümelei. Dieser unsägliche Pakt belastet die Nibelungenrezeption bis in die Gegenwart wie der Götterfluch das Rheingold.
Doch bevor der Drachentöter zum protogermanischen Helden stilisiert wurde, wollte Wagner ursprünglich in der Person Siegfrieds aus alten Sagen und Mythen einen eigenen zeitlosen Mythos erschaffen: „einen ganzen Menschen, der sich frei und wahrhaftig bewegen lässt“. Das Revolutionsjahr 1848 ist zugleich die Geburtsstunde des „Rings“. Die ersten Entwürfe drehten sich alle um den „Erlöser“ Siegfried, bis das Werk nach 28 Jahren zum Opus Magnum anschwoll. Zeitgleich, im Februar 1848, erschien das Manifest der kommunistischen Partei aus der Feder von Karl Marx und Friedrich Engels.
Schon viel früher wandelte Friedrich Engels auf den Spuren Siegfrieds und rief nach einem Besuch Xanten zum Wallfahrtsort der deutschen Jugend aus, „die den Drachen der reaktionären Kräfte erschlagen soll“. Und Georg Herwegh, Aktivist und Revolutionär der ersten Stunde, verglich das freie Wort – wahrscheinlich nicht nur wegen des eingängigen Reimes – mit dem Nibelungenhort. Zur Reichsgründung 1871 schwor er „siegestrunken“ auf Bismarcks = Siegfrieds Schatz der Nibelungen als Hort von Einheit, Recht und Freiheit ein. Noch in der Weimarer Republik erlegten sozialdemokratische Drachentöter auf ihren Wahlplakaten konservative Drachen – ganz im Geiste von Engels.
Die politische Indienstnahme des mittelalterlichen Nibelungenliedes setzte unmittelbar nach dessen Wiederentdeckung in der Mitte des 18. Jahrhunderts ein, indem es trotz einiger Bedenken sehr schnell zum Deutschen Nationalepos befördert wurde. Spätestens seit den Befreiungskriegen überwiegt die patriotische Verklärung. Von nun an trägt der giftige Drache das Antlitz Napoleons und Siegfried im Naturburschenlook struppiges Fell. Der rote Siegfried und Wagners „einziger freier Mensch“ rücken in den Hintergrund. Obwohl beide Rezeptionsstränge zuerst nebeneinander verlaufen, wirkt die vaterländisch-germanenfreundliche Variante viel stärker nach. Die Ausstellung nimmt die Perspektive der vernachlässigten revolutionären Deutungsmuster ein, fragt, welches Siegfried-Konzept letztendlich überzeugt und ob der Freiheitsanspruch wirklich für alle galt.


















